Opfer durch Zwangsarbeit

Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs in Bad Oeynhausen

Kriegswirtschaft

Der Zweite Weltkrieg führt zur Ausweitung der deutschen Rüstungsproduktion.  Betriebe stellen ihre Kapazitäten auf die Produktion kriegswichtiger Güter um. 

Das größte Unternehmen in Bad Oeynhausen ist das ehemals auf dem Gelände des heutigen Einkaufszentrums „Werrepark“ gelegene „Eisenwerk Weserhütte“. Mit der Herstellung von Geschützen und Panzern wird die „Weserhütte“ wichtiger Teil der deutschen Rüstungsindustrie. Als mit Kriegsbeginn die männlichen Arbeitskräfte zur Wehrmacht einberufen werden, betrifft das bei der „Weserhütte“ 80% der Belegschaft. Um den deutschen Wirtschaftsbetrieb, allen voran die kriegswichtigen Bereiche, aufrecht zu erhalten, aktiviert das nationalsozialistische Regime sämtliche Arbeitskraftreserven. Neben der bis dahin aus ideologischen Gründen abgelehnten Frauenarbeit, werden mit Kriegsgefangenen sowie ausländischen Zivilarbeiter*innen kostengünstige Arbeitskräfte mobilisiert. Die Bezeichnung „Zivilarbeiter“ täuscht darüber hinweg, dass es sich um fast ausschließlich zwangsverpflichtete, zum Teil gewaltsam verschleppte Menschen aus den eroberten Gebieten handelt.

Zwangsrekrutierung

Russische Kriegsgefangene 1944 (Quelle: Privatbesitz Finke-Osterloh)

Auch in Bad Oeynhausen fordern Arbeitgeber aus Gewerbe und Landwirtschaft ausländische Arbeitskräfte an. Der Stadt und dem Amt Rehme werden in den Jahren 1939 bis 1945 etwa 2.100 Kriegsgefangene und Fremdarbeiter verschiedener Nationalitäten zugewiesen: Franzosen, Belgier, Holländer, Italiener, Slowaken, Tschechen, Jugoslawen, Ungarn, jedoch zum überwiegenden Teil Menschen aus den eroberten Ostgebieten: Russen, Polen, Ukrainer.

Zwangsarbeiter in Bad Oeynhausen (Quelle: Privatbesitz Finke-Osterloh)

Beschäftigt sind sie in Privathaushalten, Kleinbetrieben, in den vielen Hotels und Pensionen in Bad Oeynhausen, in der Landwirtschaft auf den Bauernhöfen des Amtes Rehme und zum überwiegenden Teil mit insgesamt 1.700 Personen in der Industrie. Allein in der „Weserhütte“ beläuft sich ihre Anzahl im Jahr 1945 auf über 1.300. Damit machen die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einen Belegschaftsanteil von etwa 40% aus. Arbeiter- bzw. Kriegsgefangenenlager befinden sich u.a. im Bereich des Bahnwegs in Rehme sowie östlich des Stadiongeländes Mindener Straße, einem Gaststättensaal in Dehme, dem Gut Deesberg oder auf verschiedenen Firmengeländen, hier vor allem dem der „Weserhütte“.

Solidarität und Gewalt

Die Lebensbedingungen der ausländischen Arbeitskräfte hängen von verschiedenen Faktoren ab: Das sind ihr Status als „Kriegsgefangene“ oder „Zwangsarbeiter“, ihre Nationalität als Ost- oder Westeuropäer, ihre Unterbringung in einem betriebszugehörigen bewachten Lager oder der Privatunterkunft beim Bauern, aber ganz wesentlich vom Wohlwollen ihrer Arbeitgeber und Wachmänner. Als Rechtlose sind sie jeglicher Willkür ausgesetzt. Es gibt Beispiele humaner Behandlung bis hin zu Familienanschluss auf den Höfen, aber auch rücksichtslose Ausbeutung von Arbeitskraft bis hin zu Verbrechen. Zuwiderhandlungen der lediglich aus Pflichten bestehenden Aufenthaltsbestimmungen werden hart bestraft. Besonders streng geahndet werden Liebesbeziehungen zu Deutschen mit dem Tod für die Ostarbeiter und mit KZ-Haft für die Deutschen wegen „Wehrkraftzersetzung“. Mit einem alle Lebensbereiche umfassenden Spitzelsystem werden Ostarbeiter*innen und die deutsche Bevölkerung kontrolliert und bedroht.

Der minderwertige Status der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter manifestiert sich darüber hinaus in den Standorten der Barackenlager entlang der für die Alliierten kriegswichtigen Transportwege. Bahnlinie, Weserbrücken, Autobahn und darüber hinaus die der Rüstung zuliefernden Unternehmen sind seit Ende 1944 Ziele von Bombenangriffen. Auf diese Weise bewusst der Lebensgefahr ausgesetzt, dazu das Verbot Bunker aufsuchen zu dürfen, führt im letzten großen Bombenangriff kurz vor dem Kriegsende in Bad Oeynhausen zu einer hohen Zahl an Todesopfern unter den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.

Bombenopfer

Der Luftangriff auf die „Weserhütte“ am 30. März 1945 zerstört das Eisenwerk völlig und bringt insgesamt 192 Beschäftigten den Tod. Mit 99 Menschen sind die umgekommenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter überproportional, unter ihnen wiederum die Anzahl von 54 Ostarbeiterinnen und 19 Ostarbeitern unverhältnismäßig hoch vertreten. Die toten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter werden zunächst an der Werksmauer auf dem Gelände der Weserhütte beigesetzt. Ihre Überführung zum Friedhof Mindener Heide erfolgt 1950 durch den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge.

Kriegstote

Neben diesen 99 Bombenkriegsopfern unter den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erfasst Bad Oeynhausen nach dem Krieg 49 offizielle Kriegsgräber auf den Friedhöfen in Rehme, Dehme, Eidinghausen und Volmerdingsen. Bei ihnen handelt es sich fast ausschließlich um Tote aus den Ostgebieten, mehrheitlich aus Russland. Es  entspricht den deutschlandweiten Erhebungen, dass es überwiegend die auf  unterster Ebene rangierenden russischen Kriegsgefangenen sind, die an den  Folgen von Unterernährung, mangelnder Hygiene und medizinischer Versorgung  sowie Misshandlung sterben.

Ehrenfriedhöfe

Nicht vergessen werden sollen Einzelschicksale wie die der in Bad Oeynhausen verstorbenen Säuglinge und Kleinkinder und die Unmenschlichkeit gegenüber ihren Müttern, denen die Versorgung ihrer Kinder aufgrund ihres Arbeitseinsatzes unmöglich gemacht wurde. Bis zu ihrer Umbettung 1952 auf den „Ehrenfriedhof russischer Kriegstoter“ in Stukenbrock-Senne existierten neun dieser 

Kindergräber auf dem Rehmer Friedhof Mooskamp. Auch an das fast vergessene Schicksal des 24-jährigen russischen Kriegsgefangenen Petr Ponomorow soll erinnert werden. Wegen unerlaubten Besitzes von Kartoffeln wird er nach dem Augenzeugenbericht von Ferdinand Matuszek im Oktober 1944 an Ort und Stelle hinterrücks erschossen. Der Täter Erhard Burgdorf wird im sogenannten „Weserhüttenprozess“ vom Tribunale Generale in Rastatt, dem französischen Militärgerichtshof, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Alle russischen Leichname der Bad Oeynhausener Friedhöfe werden 1952 auf den Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne überführt. Ihre Grabstätten liegen dort in den Reihen „B“ und „E“.