Nationalsozialismus … „ein Thema, das auf den Nägeln brennt“


Spurensuche in Bad Oeynhausen in den Achtzigern und Neunzigern

Im Bad Oeynhausen der 1980er Jahre ist ein boomendes Geschichtsinteresse zu beobachten. Das dunkle Kapitel der NS-Zeit gerät dabei immer stärker in den Fokus und brennt den Bad Oeynhausenern förmlich „auf den Nägeln“. Somit trifft eine Veranstaltungsreihe der VHS im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Novemberpogrom im Jahr 1988 den Nerv der Zeit. Die breitangelegte öffentliche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit stellt nicht nur ein Novum dar, sondern setzt über zwei Jahrzehnte Aktivitäten in Gang, die zu einer Bündelung quellenbasierter Fakten und fundiert recherchierter Einzelschicksale führen. Die Ergebnisse bilden noch immer eine der wichtigsten Grundlagen unseres kollektiven Gedächtnisses.

9. November 1988

Unter dem Titel „Verfolgung und Vernichtung in Ostwestfalen 1933-1945“ finden im Jahr 1988 Fachvorträge und vielfältige Rahmenveranstaltungen statt. Die Reihe gipfelt in der offiziellen Übergabe des Grünenklee-Mahnmals in Volmerdingsen am 9. November 1988. Der Besucherzuspruch und das große öffentliche Interesse an der Aufarbeitung der NS-Zeit in Bad Oeynhausen veranlasst die hiesige VHS alle Vorträge und Ansprachen sowie künftig alle weiteren Reden, Aufsätze und Seminarinitiativen in ihrer neu gegründeten „Schriftenreihe der VHS“ zu publizieren. In der 1989er Ausgabe mit dem Titel „NS-Zeit in Bad Oeynhausen“ ist u.a. auch jener Vortrag des ortsansässigen Historikers Dr. Joachim Meynert über das „Schicksal der Familie Grünenklee“ abgedruckt. Die Errichtung des Grünenklee-Mahnmals ist maßgeblich seinem Engagement zu verdanken. Seitdem findet dort jährlich an diesem Tag ein Gedenken an die Deportation und Ermordung der Familie Grünenklee und aller anderen Opfer der Judenverfolgung statt.

„Tage der Begegnung“ 1993

Aus der Initiative geht als weitere Konsequenz 1989 ein „Arbeitskreis Lokalgeschichte“ hervor. Mit Friedhelm Schäffer übernimmt ein gebürtiger Bad Oeynhausener und Historiker die wissenschaftliche Leitung. Er ist einer der ersten Mitstreiter und wird uns – genau wie Dr. Joachim Meynert – im Zusammenhang mit der regionalen NS-Thematik bis in die Gegenwart immer wieder begegnen. Unterstützt wird der AK durch das Stadtarchiv Bad Oeynhausen. Als Angelika Meinhold – auch sie Historikerin – 1990 die Leitung des AK übernimmt, wird die Idee geboren, nach Holocaust-Überlebenden zu fahnden und diese nach Bad Oeynhausen einzuladen. Einem entsprechenden Bürgerantrag schließt sich der Rat der Stadt Bad Oeynhausen 1991 an. Für den AK bedeutet das eine zweijährige aufwändige Quellensuche und -auswertung … was konkret heißt: Zeitzeugeninterviews, Biografierecherchen, Kontaktaufnahme zu Überlebenden und schließlich die Vorbereitung einer Veranstaltungsreihe, die mit den „Tagen der Begegnung“ im September 1993 unter Teilnahme der beiden Überlebenden Irmgard Hagemann geb. Reckmann und William Wolf ihren Höhepunkt findet. Die sorgfältig recherchierten Ergebnisse zu allen Bad Oeynhausener Juden, die Reden, Grußworte und Vorträge anlässlich der Veranstaltung erscheinen im Heft Nr. 7 der VHS-Schriftenreihe unter dem Titel „Juden in Bad Oeynhausen“.

AK Lokalgeschichte und Schriftenreihe der VHS

Dass uns heute wissenschaftlich basierte Informationen über die nationalsozialistischen Jahre in Bad Oeynhausen in schriftlicher Form vorliegen, verdanken wir ganz wesentlich der Initiative dieser Frauen und Männer aus dem AK Lokalgeschichte und ebenso der VHS Bad Oeynhausen, die diesen ein Sprachrohr war.

Quellen

VHS-Schriftenreihe (Hefte hier mit thematischem Bezugl)

H. 2 (1989): Herrschaft und Verfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus in Bad Oeynhausen und Umgebung.

H. 3 (1990): Heimat. „Immer aufrecht stehen“ u.a.

H. 7: (1994): Juden in Bad Oeynhausen. Einzelschicksale, Personenlisten, Dokumentation der „Tage der Begegnung mit ehemaligen jüdischen Bürgern Bad Oeynhausens“.