Kunst schafft Raum für Begegnung

Schüler des IKG erkundeten unter Anleitung zeitgenössischer Künstler die jüdische Kultur

Drei Tage lang war das jüdische Bildungsprogramm „Dagesh on tour“ zu Gast in Bad Oeynhausen. 34 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Immanuel-Kant-Gymnasiums setzten sich dabei mit jüdischer Gegenwartskunst und jüdischem Leben in Deutschland auseinander. Aber auch die Frage nach der eigenen Herkunft und Identität spielte in den drei angebotenen Workshops zu Musik, bildender Kunst und kreativem Schreiben eine zentrale Rolle.

„In den Musik-Workshop „Musik, Sound & deine Story“ bin ich eigentlich nicht ganz freiwillig gegangen – wir haben gelost“ erzählt Jona und lacht dabei. „Jetzt bin ich überrascht wie toll das war. Mein persönliches Highlight war das Hornspielen – auf einem Antilopenhorn!“ Eine Mitschülerin ergänzt: „Es war eine tolle Atmosphäre in unserem Workshop. Da kamen Dinge zur Sprache, über die man sonst nicht redet und nachdenkt: Was sind die Ziele und Einstellungen der anderen? Wo liegen ihre Wurzeln?“ Leila, Joey, Chiara und Severina haben sich im Schreibworkshop genau darüber Gedanken gemacht und wunderbare Texte zum Thema Heimat formuliert, die sie der gesamten Gruppe am Ende präsentieren. Im Mini-Me Workshop wurden mit Draht und Gips eindrucksvolle Skulpturen gestaltet. Ideen, Gedanken und Gefühle wurden dabei zu einer dreidimensionalen Form. Schritt für Schritt entstanden ganz persönliche Figuren, die zeigen: Wer bin ich und was macht mich eigentlich besonders? Alle drei Workshops fanden kurz vor den Sommerferien im Jugendzentrum Oeynwerk statt.

„Wir freuen uns, dass wir dieses tolle Projekt bereits zum zweiten Mal nach Bad Oeynhausen holen konnten“, betont Claudia Jenkes aus dem städtischen Kulturbereich. Auch Kunstlehrerin Charlotta Lax, die ihre Schülerinnen und Schüler begleitet hat, ist begeistert: „Es ist beeindruckend zu sehen, wie die Schüler agieren, wenn sie keinen Leistungsdruck haben. Hier werden noch einmal ganz andere Talente sichtbar.“ Bereichernd sei dabei auch, „raus aus der Schule zu gehen, an einen einladenden Ort mit guten Rahmenbedingungen.“ In kurzer Zeit sei dadurch eine Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern entstanden, ein Austausch auf Augenhöhe und ein echtes Interesse an den Menschen und der Vielfalt jüdischer Kultur.

Angeleitet wurden die drei Workshops jeweils von einer Kunstpädagogin sowie einem jüdischen Künstler bzw. einer Künstlerin. Die Bildhauerin Lea Petermann bewegt sich beispielsweise mit ihren Arbeiten im Themenfeld von Körper, Politik und Erinnerung. Sie beschäftigt sich mit der Einschreibung von Geschichte in Körper und Biographien und die Weitergaben von Traumata über mehrere Generationen hinweg. Henrik Szántó ist halb Ungar, halb Finne und lebt als Autor und Moderator in Hannover . Kernthemen seines künstlerischen Schaffens sind Erinnerungsarbeit und kulturelle Vielfalt. Die Arbeit mit Schulen sei ihm ungeheuer wichtig, sagt er, denn „Schulen haben nicht viele Berührungspunkte mit Leuten, die aktiv Kunst machen.“ Er wolle dazu beitragen, jungen Menschen Kunst und Kultur zugänglich zu machen. „Insbesondere das Schreiben ist eine sehr intime Art, sich mit sich und seiner Umgebung auseinanderzusetzen und zugleich eine der Schönsten. Die Jugendlichen lernen, dem eigenen Ausdruck zu vertrauen und am Ende sind meist alle von sich selbst überrascht. Das ist ein schönes Ergebnis.“ Die Musikerin Yael Gat verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Israel und studierte dann in München Trompete und Pädagogik. Seit über zehn Jahren lebt und arbeitet sie in Deutschland. „Ich finde es spannend, mit den Schülern künstlerisch-musikalisch zu arbeiten und dabei auch meine Perspektive als Israeli einzubringen. In den ersten Tagen haben die Jugendlichen uns gesagt, dass sie vom Judentum eigentlich nur den Holocaust kennen. Wir bringen da mit unseren Lebensgeschichten und unserer künstlerischen Praxis eine andere Perspektive rein.“

Zentrales Element der Workshops von „Dagesh on tour“ ist es, durch künstlerisch-ästhetisches Schaffen einen Gesprächsraum zu öffnen und miteinander in einen Dialog zu treten. „Anfangs hatte ich keine allzu großen Erwartungen – drei Tage keine Schule, habe ich gedacht… aber jetzt bin ich sehr zufrieden,“ resümiert Joschi. „Wir hatten intensive Gespräche über Werte und persönliche Einstellungen. Das war teilweise mühsam und anstrengend, aber auch richtig gut.“