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Dr. Karl Paetow (1903 - 1992)

überarbeitete Fassung des Nachrufes zum Tod von Dr. Karl Paetow am 23.10.1992 von Dr. Hanna Dose

Der Schriftsteller und Kunsthistoriker Dr. Karl Paetow ist Gründer des Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseums in Bad Oeynhausen, das er die ersten neun Jahre auch ehrenamtlich leitete, unterstützt durch seine zweite Ehefrau Eva.
 
Geboren als Sohn eines Uhrmachermeisters in Fürstenwalde, wuchs Karl Paetow in Kassel auf. Die Stadt der Brüder Grimm prägte ihn für sein gesamtes Leben. Seine wache Auffassungsgabe, sein gutes Gedächtnis, die Freude am Deklamieren sowie der Drang, selbst zu schreiben, ließen schon im Kasseler Schüler den Wunsch reifen, Schriftsteller zu werden. Doch war ihm von Anfang an bewusst, dass dieses Ziel nur auf Umwegen und unter Entbehrungen für ihn erreichbar sein würde. Zunächst nahm er deshalb nach dem Abitur  das Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft auf. Das Geld dazu verdiente er sich als Werkstudent und Lokomotivheizer.
 
Nach seiner Promotion 1928 in Leipzig mit einem Thema über die Deutsche Romantik fand er seine erste Anstellung am Landesmuseum Kassel, bevor er 1930 jüngster Museumsleiter Deutschlands im Stolper Stadtmuseum wurde. Doch bereits 1933 fiel seine Stelle dem Rotstift zum Opfer. Karl Paetow zog arbeitslos nach Kassel zurück. In Kassel wurde er mit der Erforschung der historischen Altstadt beauftragt. Doch auch diese Tätigkeit war nicht von langer Dauer. Kriegsdienst, Verwundung in Russland und amerikanische Gefangenschaft folgten.
 
In Kassel ausgebombt, fand er zunächst mit seiner jungen Familie Unterschlupf in einem waldeckischen Dorf. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, eine neue Existenz aufzubauen, erhielt Dr. Karl Paetow schließlich 1951 die Leiterstelle des Tabak- und Kreisheimatmuseums in Bünde, dem er 17 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung 1968 vorstand. Die meisten seiner inzwischen in mehrfacher Auflage erschienenen Bücher entstanden hier. Seit 1952 gehörte Karl Paetow dem Europäischen Autorenverein „Die Kogge“ an. 1967 erhielt er den Sonderpreis der „Kogge“ in Minden verliehen.
 
1973 schenkte Dr. Karl Paetow seine in mehreren Jahrzehnten zusammengetragene private Märchen- und Sagensammlung der Stadt Bad Oeynhausen, die ihm im Gegenzug zur Verwirklichung seines langgehegten Traumes, der Einrichtung eines Deutschen Märchenmuseums, die Erdgeschossräume der Paul Baehr-Villa am Kurpark zur Verfügung stellte. Karl Paetow wollte mit seinem Märchenmuseum ein lebendiges Haus zur Tradierung der Volksmärchen und Sagen schaffen. Sein Ziel hat er mit einem enormen persönlichen Einsatz, insbesondere durch seine engagierten Führungen und Dank der Hilfe seiner zweiten Ehefrau Eva, die einen Großteil der Erzählstunden übernahm, erreicht.
 
Karl Paetow leitete das Märchenmuseum bis 1981 ehrenamtlich. Entsprechend stellte er die ihn interessierenden Aspekte der Märchen und Sagen aus, d.h. insbesondere die Themen Volksmärchen allgemein sowie die Sagenkreise um Widukind, Frau Holle und die Wesersagen. Die Gründung des Märchenmuseums erfolgte zu einer Zeit, als Märchen gerade als pädagogisch überfrachtet galten und die Museumspädagogik noch in den Kinderschuhen steckte. Doch die Erzählstundenangebote im Märchenmuseum wurden sehr gut angenommen. Das Ehepaar Paetow richtete sogar eine Laienspielgruppe ein, ebenso wie sie mit Kindern das Märchenerzählen übten, um sie zu „Museumshelfern“ auszubilden.
 
Nicht zuletzt Karl Paetows Publikation „Die schönsten Wesersagen“ führte 1975 zur Gründung der „Deutschen Märchenstraße“. 1976 fand auf Einladung Karl Paetows der Herbstkongress der Europäischen Märchengesellschaft in Bad Oeynhausen statt, auf dem zum ersten Mal das Märchenerzählen als Thema in den Vordergrund gerückt wurde. 1978 gründete Karl Paetow zusammen mit dem Kaufmann Walter Frei den „Förderkreis des Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseums e.V.“ zur Unterstützung der Museumsarbeit. 1980 stand das Märchenmuseum Bad Oeynhausen auf der Vorschlagsliste für den Europäischen Museumspreis.
 
1980 erhielt Karl Paetow für seine Verdienste das Bundesverdienstkreuz. 1981 gab er aus Altersgründen die Leitung des Märchenmuseums auf. Die Stadt richtete nun eine hauptamtliche wissenschaftliche Stelle für die Leitung aller bis dato ehrenamtlich geführten museale Einrichtungen in der Stadt ein, d.h. für das Märchenmuseum, den Museumshof und die Städtische Galerie, die seit 1979 im Obergeschoss der Paul Baehr-Villa untergebracht war. Trotz seines Rückzugs aus der aktiven Museumsarbeit begleitete Karl Paetow weiterhin die Entwicklung des Museums mit großem Interesse. Am 23. Oktober 1992 verstarb Karl Paetow in Bad Oeynhausen und wurde am 29. Oktober auf dem Stadtfriedhof an der Laurentiuskirche in Bünde neben seiner ersten Frau Lotte beigesetzt. Seine vorbehaltlose Herzlichkeit, sein bei aller Weltläufigkeit bescheidenes Wesen, sein Schalk, seine Bildung und Fabulierkunst, ebenso wie seine tiefe Schicksalsgläubigkeit, sein Durchsetzungsvermögen und seine unerschütterliche, mitreißende Begeisterungsfähigkeit sind allen, die ihn gekannt haben, unvergesslich.
 
 
Biografische Daten im Überblick:
 
1903 19. März geboren in Fürstenwalde als Sohn des Uhrmachermeisters Carl Paetow und seiner Frau Karoline geb. Strate
 
1907  Umzug der Familie nach Kassel, Schulzeit und Abitur in Kassel
 
ab 1921 Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften in Göttingen, Frankfurt, München, Köln, Bonn und Berlin
 
1928  Promotion in Leipzig über „Klassizismus und Romantik auf Wilhelmshöhe“
 
1929  Arbeit am Landesmuseum Kassel
 
1930  Leiter des Stadtmuseums Stolp
 
1933  arbeitslos, Auftrag der Stadt Kassel zur Erforschung der historischen  Altstadt, Heirat mit Lotte Pasche, Diplombibliothekarin aus Pommern
 
1938  Geburt des Sohnes Eckhard
 
ab 1939 Kriegsdienst in Russland; Verwundung; amerikanische Gefangenschaft
 
ab 1945 Unterschlupf in einem waldeckischen Dorf, erfolglose Versuche, eine neue Existenz aufzubauen, Publikation der „Märchen und Sagen um Frau Holle“
 
1951 Leiter des Kreisheimat- und Tabakmuseums in Bünde
 
1962  Tod seiner Frau Lotte
 
1965  Heirat mit Eva Müller
 
1968  Pensionierung
 
1973 Schenkung seiner privaten Märchensammlung an die Stadt Bad Oeynhausen, am 13. Januar Eröffnung des Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseums, Beginn der ehrenamtlichen Leitung des Museums
 
1978  Gründung des Förderkreises für das Museum
 
1981  Rückzug ins Privatleben
 
1983 Festschrift für Karl Paetow zum 80. Geburtstag, herausgegeben von Gerhard Seib, erschienen im Sponholtz-Verlag, Hameln
 
1992  23. Oktober gestorben in Bad Oeynhausen, beigesetzt in Bünde
 

Publikationen:

  • Frau Holle, Märchen und Sagen. Kassel 1952
  • Frau Holles Weg in deine Seele. Kunstmärchen und wissenschaftliche Beiträge. Eschwege 1953
  • Die Wittekindsage. Hannover 1960
  • Die schönsten Wesersagen. Hannover 1960
  • Frau Holle, Volkssagen und Märchen. Hannover 1962
  • Das große Buch vom Rübezahl. Hameln 1965
  • Weihnachtsgeschichten aus über tausend Jahren. Herford 1967
  • Zahlreiche Aufsätze in Tageszeitungen und Zeitschriften

 
Dr. Karl Paetows schriftlicher Nachlass befindet sich zum überwiegenden Teil im Stadtarchiv Bad Oeynhausen. Teile des Nachlasses, die Kassel betreffen, lagern im Brüder Grimm-Museum Kassel.